Liebe Frauen des Frauentreffpunkts Neuperlach, liebe Anwesende
„…uns wurde beigebracht, unsere Unterschiede entweder zu ignorieren oder sie als Gründe für Trennung und Misstrauen zu sehen, anstatt als Kräfte für Veränderung. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Befreiung.“
Diese Worte von Audre Lorde erinnern uns daran, dass Veränderung nie allein geschieht.
Es braucht Räume, in denen Frauen sich gegenseitig stärken, sich solidarisch zeigen und gemeinsam für eine gerechtere Welt kämpfen. Genau ein solcher Raum ist der Frauentreffpunkt Neuperlach – seit mittlerweile 50 Jahren.
Heute ehren wir diesen Raum und die Frauen, die ihn seit Jahrzehnten mit Leben füllen. Euer unermüdliches Engagement, eure Ausdauer und eure Hingabe verdienen größte Anerkennung.
Gründung und Entwicklung
1975, im Internationalen Jahr der Frau, gründete eine Gruppe engagierter Frauen den Frauentreffpunkt Neuperlach – mit dem Ziel, Frauen in verschiedenen Lebenslagen zu unterstützen, zu vernetzen und ihnen durch praktische Hilfe und emotionalen Beistand eine Stimme zu geben.
Ihr habt einen Ort geschaffen, an dem Frauen Schutz, Austausch und Gemeinschaft finden – einen Raum, in dem sie eine Auszeit von patriarchalen Anforderungen und Zuschreibungen nehmen können und sich selbst ermächtigen.
Und allen Veränderungen in Gesellschaft, Politik oder im Stadtteil zum Trotz seid ihr beständig geblieben. Ihr habt euch immer wieder angepasst, neue Bedarfe erkannt und darauf reagiert. Ihr habt es geschafft, immer wieder kreative und zukunftsweisende Wege zu finden, um Mädchen und Frauen in ihrer selbstbestimmten Lebensgestaltung zu unterstützen.
Ein Beispiel dafür ist die Gründung des Kindertreffpunkts Oskar-Maria-Graf-Zentrum vor 25 Jahren. Als immer mehr Mädchen zu euch in die Mädchengruppe kamen, habt ihr kurzerhand einen Treffpunkt für Kinder ins Leben gerufen – weil ihr erkannt habt, dass auch sie einen geschützten Raum brauchen.
Ehrenamt, Struktur und Bedeutung
Der Frauentreffpunkt Neuperlach ist heute der älteste noch bestehende Frauentreff Münchens – und das, obwohl er seit seiner Gründung ausschließlich ehrenamtlich beziehungsweise nebenberuflich organisiert wird.
In eurer Bewerbung habt ihr geschrieben: „Unsere eigentliche Währung ist die Zeit, die wir füreinander einbringen.“ Das ist eine sehr treffende Formulierung! Sie zeigt, dass euer Engagement nicht nur in Strukturen, sondern vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen verwurzelt ist.
An mindestens fünf Tagen die Woche, an über 40 Wochen im Jahr, bietet ihr ein vielfältiges, niedrigschwelliges Programm für Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen: – Gruppen für junge Mütter – Angebote für Seniorinnen – Kochkurse – Kunst- und Kulturangebote – regelmäßige Ausflüge – Austausch und Begegnung
Hier, in einer ehemaligen Gaststätte mitten in einem Münchner Wohngebiet, ist ein Ort entstanden, den ihr selbst als „zweites Wohnzimmer“ beschreibt – ein Raum des Ankommens, der Geborgenheit und des Miteinanders.
Gesellschaftliche Bedeutung und Solidarität
Doch euer Engagement geht weit über die individuelle Unterstützung hinaus. Ihr setzt euch für Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit ein. Ihr erkennt nicht nur Missstände, sondern geht sie aktiv an.
In einer Zeit, in der Einsamkeit besonders unter Frauen zu einem gesellschaftlichen Problem wird, zeigt ihr tagtäglich, was wirklich hilft: gelebte Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung.
Ich habe das selbst erlebt, als ich euch besucht habe – eine Gruppe Seniorinnen saß beisammen, lachte, sprach über den Alltag, hörte einander zu.
Und euer Treffpunkt ist noch mehr: Er ist ein Ort gelebter Vielfalt. Zwei Drittel der Frauen, die zu euch kommen, haben eine Migrations- oder Fluchtgeschichte. Sie können sich im Frauentreffpunkt aktiv mit ihren eigenen Ressourcen und Erfahrungen einbringen.
Ihr macht sichtbar, dass sie Frauen mit individuellen Geschichten, Talenten und Facetten sind, und schafft einen Raum, in dem diese vielen Facetten entdeckt und gelebt werden können.
Solidarität ist für euch kein abstrakter Begriff, sondern eine konkrete Praxis. Inmitten einer zunehmend polarisierten Gesellschaft, in der Antifeminismus und Rassismus wieder erstarken, beweist ihr, dass feministische Arbeit nicht trennt, sondern verbindet.
Ihr zeigt, dass Geschlechtergerechtigkeit untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden ist und lebt einen Feminismus, der Frauen nicht in feste Kategorien drängt, sondern sie in ihrer gesamten Vielschichtigkeit und Komplexität anerkennt.
Ihr zeigt, dass Solidarität unter Frauen keine romantische Idee ist, sondern eine Notwendigkeit. Sie ist der Schlüssel zu echter Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Wandel. In eurer Arbeit wird sichtbar, wie lebendig diese Solidarität ist und welche transformative Kraft sie entfalten kann.
Würdigung und Preisvergabe
Als ihr von der Preisvergabe erfahren habt, habt ihr am Telefon zu mir gesagt: „Hier in unserem Stadtteil sind wir geborgen und fühlen uns selbstbewusst. Aber dass wir münchenweit wahrgenommen werden, das ist schon eine Hausnummer. Das wird uns jetzt erst bewusst.“
Ich hoffe, dass euch dieser Preis noch einmal bewusst macht, wie großartig eure Arbeit ist – und dass sie weit über euren Stadtteil hinausstrahlt, weil sie unglaublich wichtig ist für München.
Liebe Frauen des Frauentreffpunkts Neuperlach, ich freue mich riesig, dass ihr heute diesen Preis erhaltet. Ihr habt ihn so sehr verdient! Nicht nur für euer langjähriges Engagement, sondern auch für eure anhaltende Innovationskraft und eure Fähigkeit, immer wieder neue Wege zu finden, um Frauen in allen Lebenslagen zu unterstützen.
50 Jahre Engagement, 50 Jahre Frauenarbeit, 50 Jahre gelebte Solidarität – und heute bekommt ihr die Anerkennung, die ihr verdient.
Herzlichen Glückwunsch zum Anita-Augspurg-Preis!
Danii Arendt Münchner Fachforum für Mädchenarbeit
